Die Stunde der Wintervögel 2018 bricht alle Rekorde

Wieder mehr Wintervögel – insgesamt aber rückläufiger Trend

Haubenmeise. Foto: NABU/Frank Derer

 

Aachen – Nach den sehr niedrigen Zahlen im vergangenen Winter haben sich in diesem Jahr wieder mehr Wintervögel in Deutschlands Gärten und Parks eingefunden. Das hat die Zählaktion vom NABU die ‚Stunde der Wintervögel‘ ergeben, deren Endergebnis am Montag, dem 12. Februar vorgestellt wurde. Über 136.000 Vogelfreunde haben sich deutschlandweit an der Aktion beteiligt und Zählungen aus über 92.000 Gärten übermittelt – ein neuer Rekord. Damit konnte die bisherige Höchstzahl von knapp 125.000 aus dem Vorjahr übertroffen werden.

 

In der Städteregion Aachen wurden 17.278 Vögel von 739 Teilnehmern gezählt. Am öftesten beobachtet wurde die Kohlmeise mit 2.165 Tieren. Darauf folgt der Vogel des Jahres 2018: 2.079 Stare meldeten die Beobachter in der Städteregion. Der Haussperling machte mit 2.058 Beobachtungen Platz drei. Auf Plätzen vier bis zehn folgen dann absteigend Blaumeise, Amsel, Elster, Buchfink, Rabenkrähe, Rotkehlchen und Ringeltaube.

 

„Im vergangenen Winter hatten die Teilnehmer 17 Prozent weniger Vögel gemeldet als im Schnitt der Jahre zuvor“, sagt NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller, „Zum Glück hat sich dieses erschreckende Ergebnis nicht wiederholt. Im Vergleich zum Vorjahr wurden wieder elf Prozent mehr Vögel gesichtet.“ 2018 wurden rund 38 Vögel pro Garten gemeldet, im vergangenen Jahr waren es nur 34 Vögel. 2011 waren bei der ersten Stunde der Wintervögel aber noch 46 Vögel pro Garten gemeldet worden. „Die höheren Zahlen in diesem Jahr können darum nicht darüber hinwegtäuschen, dass seit Jahren ein kontinuierlicher Abwärtstrend festzustellen ist“, so Miller. „Der Rückgang häufiger Arten ist in vielen europäischen Ländern ein ernstes Problem und zeigt sich offensichtlich auch bei den Wintergästen in unseren Gärten.“ Seit Beginn der Wintervogelzählungen im Jahr 2011 seien die Gesamtzahlen gemeldeter Vögel um 2,5 Prozent pro Jahr zurückgegangen.

 

„Überlagert wird dieser langjährige Trend jedoch durch die Auswirkungen jährlich unterschiedlicher Witterungs- und Nahrungsverhältnisse“, so NABU-Vogelschutzexperte Marius Adrion. Grundsätzlich kämen in milderen Wintern, wie den letzten beiden, weniger Vögel in die Gärten, da sie auch außerhalb der Siedlungen noch genug Nahrung fänden. Dennoch fehlten im letzten Jahr viele Meisen und waldbewohnende Finkenarten, während sie in diesem Winter wieder in gewohnter Anzahl gesichtet wurden. „Erklären lässt sich dies vermutlich durch das von Jahr zu Jahr sehr unterschiedliche Angebot an Baumsamen in den Wäldern – nicht nur bei uns, sondern auch in den Herkunftsgebieten dieser Vögel in Nord- und Osteuropa. Je weniger Samen, desto größer der Zuzug von Vögeln aus diesen Regionen zu uns und desto eher nehmen diese Vögel naturnahe Gärten und Vogelfütterungen dankbar an“, so Adrion.

 

Deutschlandweit ist der Haussperling in diesem Jahr der häufigste Wintervogel, gefolgt von Kohl- und Blaumeise. Hauben- und Tannenmeisen kamen im Vergleich zu 2017 sogar doppelt bis dreimal so häufig in die Gärten. Auch andere typische Waldvögel, wie Kleiber, Gimpel, Buntspecht und Eichelhäher wurden häufiger gemeldet. „Unsere größte Finkenart, der Kernbeißer, wurde besonders oft in Westdeutschland und Thüringen beobachtet“, sagt Adrion. Unter den Top Ten der häufigsten Wintervögel hat die Amsel am stärksten verloren. Fast ein Drittel weniger Amseln als im Vorjahr wurden beobachtet. Damit rutschte sie von Platz zwei auf Platz fünf ab. „Ein Grund dafür könnte der für diese Vögel tödliche Usutu-Virus sein, der in den Jahren 2016 und 2017 zu Ausbrüchen in immer mehr Teilen Deutschlands geführt hat“, so Adrion. „Hier wartet der riesige Datenschatz der Stunde der Wintervögel aber noch auf eine genauere Analyse.“

 

Entgegen dem insgesamt abnehmenden Trend der Wintervögel konnte bei einigen Vogelarten, die Deutschland im Winter üblicherweise nur teilweise verlassen, ein deutlicher Trend zu vermehrten Überwinterungen in Deutschland festgestellt werden. Bestes Beispiel ist der Star, Vogel des Jahres 2018. Mit 0,81 Individuen pro Garten erzielte er in diesem Jahr mit Abstand sein bestes Ergebnis. Statt wie früher in jedem 25. Garten wird er inzwischen bereits in jedem 13. Garten auch bei der Winterzählung angetroffen. Auch bei den Teilziehern Ringeltaube und Heckenbraunelle zeigt sich eine ähnliche Entwicklung. Diese Arten reagieren damit auf die vermehrten milden Winter, die ihnen eine Überwinterung näher an ihren Brutgebieten ermöglicht.

 

Dr. Manfred Aletsee, Leiter der NABU-Naturschutzstation Aachen bittet allerdings darum, die Ergebnisse der Zählung mit Vorsicht zu genießen. „An der Aktion beteiligen sich hauptsächlich Laien, denen sowohl bei der richtigen Zählmethode als auch bei der Artbestimmung Fehler unterlaufen. Allerdings werden jedes Jahr ähnliche Fehler gemacht, so dass sich insbesondere langjährige Trends mit dieser Methode gut erkennen lassen“, so Aletsee. Elisabeth Fürtjes, die zusammen mit Dr. Manfred Aletsee den Ornithologischen Arbeitskreis des NABU Aachens leitet, betont auch: „Neben den erhobenen Daten haben die ‚Stunde der Wintervögel‘ und die sommerliche Partner-Aktion ‚Stunde der Gartenvögel‘ noch einen ganz anderen, wertvollen Effekt: Sie begeistern die Menschen für unsere Vogelwelt und machen sie auf ihre Bedrohung aufmerksam. Die steigenden Teilnehmerzahlen sind hier der beste Beweis.“